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ETN Digital12/2020  

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Jetzt ist es final, oder? 2016 haben die Briten für den EU-Austritt gestimmt. Nun, dreieinhalb Jahre, zwei Premierminister und eine Europawahl später, sind die Scheidungspapiere unterschrieben und am 31. Januar 2020 soll Großbritannien tatsächlich die EU als Mitgliedsstaat verlassen. Wie es jetzt weitergeht, haben wir unseren Europaexperten Christian Kastrop gefragt.

Ende gut, alles gut? Viele Beobachter sind froh, dass das endlose Tauziehen um den Austritt vorüber ist. Ist das "Brexit-Drama" nun wirklich Geschichte?

Christian Kastrop: Im Gegenteil, in mancher Hinsicht geht es jetzt erst richtig los. Aber zunächst ändert sich nach dem 31. Januar für die EU und Großbritannien erstmal nichts. Wir befinden uns dann in einer Übergangsphase: Studenten und Touristen können weiter ohne Probleme nach Cambridge und London fliegen, Waren werden weiter ohne Zölle zwischen Calais und Dover transportiert.

Aber die nächsten Termine sollten in London und Brüssel schon rot in den Kalendern stehen: Bis zum 31. Dezember 2020 will die britische Regierung ein neues Freihandelsabkommen aushandeln, um den sogenannten "harten Brexit" zu vermeiden. Sollte die Zeit für Verhandlungen nicht ausreichen, müsste Großbritannien bis zum 1. Juli 2020 dafür eine Fristverlängerung einreichen. Boris Johnson hat aber bereits klargemacht, dass er dies um jeden Preis vermeiden möchte. Daher ist die Gefahr eines Brexits ohne Vertrag und klare Ansagen für die Wirtschaft noch lange nicht gebannt.

Dazu kommt: Die "Scheidung" hat rund drei Jahre gedauert, warum sollte sich der neue Beziehungsstatus in ein paar Monaten klären lassen? Wie die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich sehr klar gesagt hat, muss es einen fairen Ausgleich geben und die Positionen, auch mit Blick auf die irische Republik, sind noch weit auseinander. Daher werden die kommenden Verhandlungen zentral für unseren Beziehungsstatus zu Großbritannien.

Kann es den Bürgern nicht relativ egal sein, wie und ob diese juristischen Details tatsächlich geklärt werden?

Natürlich wird die Welt nicht zusammenbrechen. Aber man sollte sich schon sorgen, denn für die Unternehmen und damit auch für Arbeitnehmer steht einiges auf dem Spiel: Ein Freihandelsabkommen müsste regeln, wie die EU und Großbritannien mit Zöllen, Sicherheitsstandards oder Gesundheitsbestimmungen umgehen.

Das wiederum kann die Produktionsbedingungen ändern. Wenn Waren teuer werden, zahlen die Konsumenten mehr. Oder noch schlimmer: Durch zusätzliche Zölle könnten Unternehmen nicht mehr kostendeckend arbeiten und müssen möglicherweise Mitarbeiter entlassen. Das gilt nicht nur für Endprodukte, sondern auch für die sogenannten Wertschöpfungsketten.

Bevor zum Beispiel ein Land Rover auf der Insel vom Band läuft, müssen unzählige Einzelteile zugeliefert oder auch im Ausland bearbeitet oder geprüft werden. Davon wäre auch Deutschland betroffen, wie unsere Analyse zeigt. Globale Produktionsketten machen nicht an Landesgrenzen halt. Keine Grenzen sind ein großer Vorteil für die EU. Der Brexit wird Ex- und Importe verteuern, die Produktionsketten werden sich nach und nach, aber auch insgesamt umstellen, am meisten wahrscheinlich zum Nachteil Großbritanniens.

Folgen harter Brexit

Europa würde ein harter Brexit auch hart treffen, wie unsere Studie im vergangenen Jahr gezeigt hat. China und die USA hingegen könnten profitieren.

In unseren Berechnungen prognostizieren wir für einen harten Brexit jährliche Einkommensverluste im Vereinigten Königreich von rund 57 Milliarden Euro, die höchsten im EU-Vergleich. Auch Deutschland würde mit knapp zehn Milliarden zu den größten Verlierern eines harten Brexits gehören. Am stärksten würde es bei uns exportstarke Regionen im Süden, aber auch in Nordrhein-Westfalen treffen.

Boris Johnson hat mit dem Brexit eines seiner wichtigsten Wahlversprechen eingelöst. Können die Briten jetzt wieder zusammenfinden?

Ich fürchte eher, die Polarisierung könnte noch zunehmen. Der Brexit hat die Wahlen nicht gewonnen, sondern das Mehrheitswahlsystem hat den Tories eine satte Mehrheit im Unterhaus beschert. Johnson hat gerade im Wahlkampf wenig versöhnliche Töne angeschlagen und viele enttäuschte "Remainer" könnten nun politisches Kapital daraus schlagen. In Schottland werden die Rufe nach Unabhängigkeit wieder lauter, in Nordirland gibt es vermehrt Stimmen, die eher eine Annäherung an Dublin als an London wünschen. Johnson hat die Wahlen gewonnen, aber er könnte Teile des Königreiches infolge des Brexits verlieren.

Die Fragen stellte Benjamin Stappenbeck. (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Benjamin Stappenbeck)

   
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